Handwerkermangel

Handwerkermangel – Was sind die Gründe?

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Unsere Redakteurin Bettina steckt bis über beide Ohren im Dachgeschossausbau. Da ihre Fähigkeiten eher im Schreiben, weniger im Handwerk liegen, möchte sie den Ausbau den Profis überlassen. Doch wo sind all die Handwerker geblieben? Diese Frage stellte sie dem Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbandes Schleswig-Holstein Georg Schareck.

Als ich mit dem Dachausbau begann, hatte ich keine Ahnung, dass mich die Handwerkersuche vor eine Hausforderung stellen könnte. Schon durch meinen Beruf als Schreiberling bei Dr. Klein war mir bewusst, dass die Baubranche gerade boomt, aber dass sich Handwerker nicht einmal zurückmelden, war mir nicht klar. Dieser Handwerkermangel stellt ein großes Problem dar. Zum Glück bekam ich am Ende doch noch durch eine Empfehlung professionelle Unterstützung. Dennoch möchte ich gerne wissen, warum dieser Handwerkermangel entstehen kann.

Hausgemacht: Herr Schareck, aktuell entsteht bei mir der Eindruck, dass wir unter einem akuten Handwerkermangel leiden.

Georg Schareck: Zunächst einmal ist der Ausdruck „Handwerkermangel“ nicht ganz richtig gewählt. Durch die über Jahre sehr günstigen Konditionen einer Baufinanzierung kommt es zu einer erhöhten Nachfrage nach Handwerksleistungen. Das wirkt sich in einer Angebotsverknappung aus, sodass der Eindruck entsteht, wir hätten keine Handwerker. Dabei übersteigt die stark erhöhte Nachfrage das Angebot und sorgt für lange Wartezeiten.

Hausgemacht: Das ist nachvollziehbar. Da Bauvorhaben nun auch nicht in zwei Tagen erledigt sind, braucht es seine Zeit, bis die Handwerker wieder zur Verfügung stehen und neue Bauprojekte angehen können. Wie lange muss ich denn im Durchschnitt auf einen Handwerker warten?

Georg Schareck: Ganz genau. Im Bundesdurchschnitt dauert es zwischen 4,5 und 5 Monate.

Hausgemacht: Können Gründe ausgemacht werden, die dafür sorgen, dass es zu solchen Wartezeiten kommt?

Georg Schareck: Tatsächlich kann ich mehrere Gründe nennen. Zunächst gilt der Blick Angebot und Nachfrage. Dieses Verhältnis wird sehr stark durch günstige Finanzierungsbedingungen gepuscht. Geld wird lieber in Immobilien investiert als zu Nullzinsen auf der Bank geparkt oder risikoreich an der Börse spekuliert. Zweitens: Statt neu zu bauen, sind 62 Prozent der gekauften Immobilien Bestandsimmobilien, für die wiederum eine Modernisierung aus Umweltgesichtspunkten oder Kosteneinsparungen bei Heizungen, Barrierefreiheit fürs Alter etc. erforderlich sind. Und drittens dürfen wir nicht vergessen, dass es auch einmal wieder bergab mit der Nachfrage geht. Betriebswirtschaftlich ist es nicht angebracht Kapazitäten aufzubauen, die dann überhängend und teuer für einen Betrieb werden. Man wird also mit moderatem Aufbau von Kapazitäten, nicht jedoch mit spürbar kurzfristiger Erleichterung der Lage rechnen können.

Hausgemacht: Der seit Jahren anhaltende Boom in der Baubranche scheint mir einer der wesentlichen Gründe zu sein.

Georg Schareck: So ist es. Durch die günstigen Finanzierungsbedingungen werden mehr Baugenehmigungen erteilt. Diese sind drei Jahre gültig, werden aber aus genannten Gründen nicht alle auf einmal auftragsreif. Allerdings kommt es dadurch zu einem Stau bei der Abarbeitung. Das ist zu einem anderen Teil auch gut so. Denn viele Baustoffhersteller produzieren nicht mehr auf Halde – sondern auf Abruf, just in time. Auch hier gilt, dass Kapazitäten nicht von heute auf morgen und langfristig auch mit Blick auf einen irgendwann wieder rückläufigen Markt aufgebaut werden können. Das betrifft vor allem besondere Materialien, wie bestimmte Dämmstoffe, Stähle, Verbundstoffe bis hin zu Fenstern und Türen.

Die Bauwirtschaft ist aber auch ein handfester Wirtschaftszweig. Meint, dass wir personalintensiv sind. Ohne Mitarbeiter wird es eng. Die Baubranche hat sich über die Jahre zwar weiterentwickelt und zeichnet sich durch ein hohes Leistungsniveau aus, das mit weniger Personal realisiert werden kann.


Dennoch wird jetzt deutlich, dass über 20 Jahre der kontinuierlich gezogene Nachwuchs fehlt.

Hausgemacht: Das müssen Sie näher erklären.

Georg Schareck: Anfang der 2000er Jahre gab es eine handfeste Baukrise. Die hat dafür gesorgt, dass weniger ausgebildet wurde. Insgesamt gab es binnen zweier Jahre rund 60 Prozent weniger Handwerker auf dem Markt, weil diese entlassen wurden. Ferner wurden vom damaligen Arbeitsminister Clement von der SPD in 2004 Meistertitel für viele Bauberufe gelöscht. Sie waren also für eine Berufszulassung nicht mehr erforderlich. Das hat unter anderem dazu geführt, dass sich viele, auch ehemalige Arbeitnehmer, mit einigen Jahren Berufserfahrung selbstständig gemacht haben, zum Teil mit Ein-Mann-Betrieben. Die haben jedoch selbst keine Handwerker ausgebildet. Auch mangels Befähigung.

Diese neuen Betriebe standen und stehen in Konkurrenz mit den bisherigen Ausbildungs- und Meisterbetrieben. Klar, dass die sich nicht selbst die Konkurrenz großziehen wollten. Aber auch in den übrigen Berufsbildern war über fast eine Dekade die Ausbildungsbereitschaft mau. Aktuell steigen die Zahlen wieder. Allerdings sind die jungen Leute erst in drei Jahren fertig. Das heißt: Nur wenn die Ausbildungszahlen so stabil bleiben, und das über mehrere Trikaden, nimmt der Facharbeitermangel Stück für Stück ab. Tendenziell entscheiden sich zudem immer noch viele der Schulabgänger für ein Studium oder ähnliches und eben nicht für das Handwerk. Und  wir stehen unter einem sehr spürbaren Lehrstellenwettbewerb auch mit anderen Handwerken und der Industrie. Kurzfristig geht da gar nichts. Denn Handwerksberufe sind heutzutage sehr viel komplexer als noch vor einigen Jahren.

Hausgemacht: Ich stelle mir eine Baustelle vor, auf der noch mit dem Hammer die Nägel in die Wand geschlagen werden. Was hat sich denn verändert?

Georg Schareck: Die meisten sehen immer noch nur die vordergründige Baustelle, den Rohbau etc. Tatsächlich jedoch gilt: Hightech-Baustelle. Zum einen werden viele Bauteile bereits in Werkhallen oder von der Zuliefererindustrie vorgefertigt. Das erledigen dann Maschinen computergesteuert, sodass die einzelnen Elemente auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden müssen. Diese Entwicklung wird in Zukunft auch noch verstärkt. Zudem ist die Baubranche weitaus effektiver in ihrer Arbeitsweise als noch vor wenigen Jahren.

Planung und Baustellenmanagement gehören schon zum guten Ton. Zum anderen erledigen Maschinen und Roboter zunehmend einen Teil der Arbeit. Setzen Sie sich heute mal in eine Baumaschine. Das sind regelrechte Hochleistungsmaschinen geworden, die über Touchscreens, Joysticks und Computer bedient werden. Daher haben sich auch die Anforderungen an die Auszubildenden und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verändert. Lebenslanges Lernen und Aufstiegsqualifikation sind schon lange keine Fremdworte mehr.

architekt sanierung

Hausgemacht: Was muss ein angehender Lehrling heutzutage mitbringen?

Georg Schareck: Es sollte von Anfang an ein technisches Grundverständnis für die Berufswahl da sein. Gepaart mit der Freude daran, am Ende des Tages zu sehen, was man geschafft hat. Auf der Baustelle selbst sorgen Teams für einen reibungslosen Ablauf. Die müssen sich aufeinander verlassen können. Baustellenmanagement, auch für unsere Arbeitnehmer, ist hier ein Stichwort. Es braucht auch Organisationstalente auf der Baustelle, die die Gewerke und die einzelnen Bauabschnitte im Blick haben. Alles muss Hand in Hand gehen, ansonsten kommt es zu unnötigen Verzögerungen im Bauablauf.  Dann sehen Sie am Ende auch, dass sich etwas verändert hat: Wir bauen sehr viel schneller als früher. Wir bauen je nach Bauherrenwunsch sehr viel komplexer und umweltverträglicher!

Hausgemacht: Herr Schareck, unsere zukünftigen Hauseigentümer interessiert nun brennend, was sie denn tun können, um bei der Suche nach Handwerkern geschickt vorzugehen. Können Sie uns da ein paar Tipps verraten?

Georg Schareck: Am wichtigsten ist die zunächst ureigene Planung. Eine solide Planung macht viel aus. Schauen Sie sich ganz genau an:

  • Was soll gemacht werden und vor allem in welchem Zeitkorridor?
  • Welche finanziellen Mittel habe ich zur Verfügung?
  • Wie finanziere ich mein Bauprojekt? Mit welchen Belastungen will ich rechnen?
  • Die ganz Pfiffigen planen vielleicht in einem Wunschranking etwa den Bentley, den Volkswagen, den Mini des Bauwunsches, sodass auch bei Planung und späterer Realisierung mögliche Wünsche noch berücksichtigt werden können.

Wenn das feststeht, kann die Planer- und/oder Handwerkssuche beginnen. Am besten sind immer noch Empfehlungen von Freunden oder Bekannten. Auch viele Architekten haben einen eigenen Handwerkerstamm. Den kann man, muss man aber nicht, nehmen. Auf einigen Internetseiten wie www.bau-sh.de können Handwerker auch bewertet werden. Dann bekommt man bereits vorab einen kleinen Einblick in die Arbeit des Betriebes aus Sicht eines Bauherren. Außerdem empfehle ich immer, persönlich miteinander zu sprechen. Vielleicht auch auf der Grundlage der Information, die der Bauherr auf der Webseite eines Unternehmers gefunden hat. Schauen Sie sich ruhig mal den Betriebshof an. Auch hier gilt manchmal: „Wie du kommst gegangen…“. Die Chemie zwischen Ihnen und dem Handwerker sollte stimmen, ansonsten kann ein Bauprojekt schnell schwierig werden, im ungünstigsten Fall sogar scheitern. Nehmen Sie sich vor allem Zeit für die Suche. Es bringt nichts, etwas übers Knie zu brechen, wenn dieses Etwas so viel Geld kostet.

Hausgemacht: Ich persönlich habe auch die Erfahrung gemacht, dass sich Handwerker bei telefonischer Anfrage gar nicht erst zurückgemeldet haben.

Georg Schareck: Das kann mal, sollte aber nicht vorkommen. Gut wäre sich in jedem Fall zu melden. Ansonsten spricht das aus meiner Sicht nicht für einen gut organisierten  Betrieb. Die Baubranche ist immer noch werks- und dienstleistungsorientiert. Selbst, wenn aktuell keine Aufträge mehr in einem Betrieb entgegengenommen werden können, sollte das kommuniziert werden. Im besten Fall sogar auch ein anderer Handwerker empfohlen werden. Das ist vor allem bei eingesessenen Betrieben der Fall. Sie können auf ein Netzwerk an Experten und Kollegen zurückgreifen, die weiterhelfen können. Fragen Sie da ruhig nach.

Hausgemacht: Worauf sollte ich achten, wenn ich dann einen Handwerker gefunden habe?

Georg Schareck: Die Absprachen sind wichtig. Halten Sie möglichst detailliert fest, welche Leistungen vereinbart wurden. Das erspart Diskussionen und beugt Missverständnissen vor. Am Ende ist entscheidend was im Vertrag steht. Je klarer desto besser. Achten Sie auch darauf, dass das Angebot, das besprochen wurde und das Sie beauftragen wollen, zum Vertragsgegenstand wird. Und ganz wichtig: es gibt keine unwichtigen Fragen. Wenn etwas unklar ist, bitte nachhalten. Fachleute, wie Bauunternehmer es sind, werden darauf antworten. Dann haben Sie es nicht nur im Gefühl, alles richtig zu machen, sondern wissen es auch.

Hausgemacht: Vielen herzlichen Dank, Herr Schareck, für diese wertvollen Informationen. Die nächste Handwerkersuche werde ich auf jeden Fall gelassener angehen.


Alle Teile dieser Reihe
Teil 1: Unsere Planung für den Dachgeschossausbau
Teil 2: Dachausbau – Kosten, wie sie (nicht) im Buche stehen
Teil 3: Dachflächenfenster einbauen – aber wo?


Neue Heizung, neue Fenster, neues Dach?

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