Mintgrün geht die Welt zugrunde: Mehrgenerationenwohnen im Fertighaus

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In Folge 2 ihrer Kolumne schaut sich unsere Redakteurin Ilona heute bei Fertighausanbietern um und wird unter Vortäuschung falscher Tatsachen hinterrücks in eine mintgrüne Musterhaus-Hölle gelockt. Der Grundsteinlegung ist sie dadurch leider keinen Millimeter näher gekommen, und auch der Rest der Familie wird sich wohl oder übel noch ein wenig gedulden müssen.

Fangen wir heute ausnahmsweise mal direkt mit dem Resultat an: Das mit dem Fertighaus wird wohl nichts. Unser Vorhaben, mit Oma zwecks Mehrgenerationenwohnen unter ein Dach zu ziehen, lässt sich nicht so einfach mit einem Fertighausanbieter umsetzen. Und dafür gibt es so viele Gründe, dass ich gar nicht weiß, mit welchem ich anfangen soll. Aber nochmal von vorn. Die Problemkette sieht folgendermaßen aus: Dort, wo wir wohnen möchten und müssen (Hamburg-Harburg/Neugraben) gibt es kaum freie geschweige denn bezahlbare Grundstücke, und ohne Grundstück kein Fertighaus. An Harburg führt aber kein Weg vorbei, wie ich in Folge 1 dieser Kolumne bereits erwähnte. Und deshalb können wir uns das Mehrgenerationenwohnen im Fertighaus leider vorerst abschminken.

Dabei gab es auf den ersten Blick gute Gründe für ein Fertighaus zum Mehrgenerationenwohnen.

Und die lauteten:

  1. Fertighäuser verfügen – nicht immer, aber oft – über kürzere Bauzeiten. Wir haben keine Zeit zu verlieren, Mama ist schließlich schon 80, und wir möchten nicht erst anderthalb Jahre auf die Fertigstellung des Mehrgenerationenhauses warten müssen.
  2. Bei einem Fertighaus kann man den Grundriss meist in einem gewissen Rahmen noch anpassen (wir benötigen im Erdgeschoss ein eigenes Zimmer mit Dusche für Mama).
  3. Fertighäuser sind in der Regel günstiger als Massivhäuser.

Also machte ich mich bei einschlägigen Immobilienportalen auf die Suche und fand in unserem Postleitzahlengebiet die Anzeige eines Fertighausanbieters mit einem Häuschen, das mir auf Anhieb sehr gut gefiel. Es hatte nicht nur einen halbwegs passenden Grundriss, es war auch noch hübsch anzusehen. Das ist bei Neubauten heutzutage keine Selbstverständlichkeit, denn die meisten ähneln eher trostlosen, grauen Schuhkartons, in die man anstelle von vernünftigen Fenstern winzige Gucklöcher geritzt hat. Nicht dieses Haus! Dieses Haus hatte Charme – und große Fenster. Ich wollte dieses Haus. Ich wollte es sogar sehr.

Genau genommen ist mir die Idee mit dem Mehrgenerationenwohnen erst durch dieses Fertighaus so richtig ans Herz gewachsen.

Aber wie das manchmal so ist mit der Liebe auf den ersten Blick: Ich wurde enttäuscht, bitter enttäuscht. Man hat mich aufs Glatteis geführt. Durch diese Anzeige wurde suggeriert, dass man das dargestellte Traumhäuschen in unserem Hamburger Wunsch-Stadtteil bauen könne. Sonst würde man es ja wohl kaum in unserem Postleitzahlengebiet inserieren. Und im Anzeigentext hieß es bloß lapidar:

Über die genaue Lage des Grundstücks informieren wir Sie im persönlichen Beratungsgespräch.

Natürlich hätte mich das schon stutzig machen müssen. Aber ich war eben schockverliebt, und T. zeigte sich ebenfalls angetan von diesem Hausmodell. Also fuhren wir beide an einem kalten, dunklen, verregneten Mittwochabend zum Termin mit Herrn M. ins Musterhaus dieses Herstellers, das ziemlich weit außerhalb von Hamburg in Niedersachsen lag. Vor Ort erwartete uns die erste Enttäuschung: Alle Rollläden waren unten, niemand reagierte auf unser Klingeln. Ich verwettete meinen linken Arm, dass an diesem Abend niemand mehr kommen würde und gewann diese Wette nach 20 Minuten souverän, ohne eine Amputation befürchten zu müssen.

Herr M. hatte uns versetzt und ließ uns auf telefonische Nachfrage hin wissen, er säße nun bedauerlicherweise schon zu Hause auf dem Sofa und sei leider nicht bereit, dieses lauschige Plätzchen unseretwegen bei diesem unbehaglichen Wetter wieder aufzugeben. Es wäre erneut an der Zeit gewesen, stutzig zu werden, aber Liebe macht eben oft blind. Also gaben wir dem hübschen Fertighaus und dem unzuverlässigen Herrn M. noch eine zweite Chance.

Verdient hatte er sie nicht.

Trotzdem standen die Vorzeichen für den zweiten Versuch zunächst besser: Diesmal war es ein sonniger Samstagmorgen, an dem wir uns frohen Mutes erneut auf den Weg in den Musterhauspark machten. Die Rollläden waren jetzt oben, nur von Herrn M. war leider immer noch weit und breit keine Spur. Er ließ sich entschuldigen und wurde von Frau O. vertreten, die uns zum Beratungsgespräch ins Innere des Musterhauses bat und dann für Herrn M. die Drecksarbeit erledigen durfte. Sie musste uns schonend beibringen, dass man unser Traumhäuschen natürlich sehr gerne für uns bauen würde. Allerdings nicht in Hamburg-Harburg und schon gar nicht in Neugraben. Dort gäbe es nämlich überhaupt keine freien Einzelhausgrundstücke.

Aber Mehrgenerationenwohnen in Meckelfeld sei doch auch ganz nett!

Denn in Meckelfeld gäbe es schließlich noch genug freie und sogar wesentlich günstigere Flächen, sagte Frau O. mit so einem nervösen Lächeln auf den Lippen, nachdem sie meinen konsternierten Gesichtsausdruck registriert hatte. Nein, Meckelfeld ist überhaupt nicht nett. Denn Meckelfeld liegt zwanzig Kilometer von Hamburg-Harburg/Neugraben entfernt. Da kann ich ja gleich nach Wulfsen ziehen, und warum ich das nicht möchte, habe ich ja letztes Mal schon hinreichend erläutert.

Eigentlich sind wir mit dem Thema „Lage“ ja auch längst durch gewesen: Wir müssen im Hamburger Süden bleiben, und damit Ende Gelände. Und ich hatte auch überhaupt keine Lust mehr, mich schon wieder damit auseinandersetzen zu müssen. Dass Frau O. uns schließlich anbot, uns von nun an bei der Grundstückssuche zu unterstützen, war ja überaus freundlich. Aber ebenso aussichtslos: Seit vielen Monaten habe es in unserem Wunschgebiet schon keine freien Einzelgrundstücke mehr gegeben, erzählte Frau O. „Entspann dich!“ sagte T., als er bemerkte, dass ich ein wenig mit den Zähnen knirschte.

Wie zum Teufel soll man sich in dieser mintgrünen Musterhaus-Hölle entspannen?

Ganz ehrlich, die anfängliche Romanze zwischen dem Traumhäuschen und mir entwickelte sich allmählich ähnlich wie bei einem Tinder-Date. Was auf den Anzeigenbildern von außen und von innen traumhaft ausgesehen hatte, entpuppte sich vor Ort als überkandidelte Luftnummer. In diesem Musterhaus hatten Home Staging*-Experten wahrlich Schwerstarbeit in Sachen Farbharmonie geleistet. Alles war Ton in Ton in mintgrün-weiß gehalten, vom Zahnputzbecher im Bad über die Vasen im Flur bis hin zu den verdammten T-Shirts und Sneakern im begehbaren Kleiderschrank. Soll ja Menschen geben, die ihre Kleidung farblich ans Interieur ihres Zuhauses anpassen. Ich gehöre nicht dazu. Schöner wohnen finde ich natürlich auch knorke, aber man kann es auch übertreiben.

Mich machte diese perfektionierte Deko zusammen mit der Dreistigkeit, dass ich unter Vortäuschung falscher Tatsachen hierher gelockt wurde, in diesem Augenblick einfach nur latent aggressiv.

Und noch ein kleiner Tipp am Rande, liebe Home Staging-Experten: Lasst doch mal ein bisschen schmutzige Wäsche rumliegen, deponiert eine eingetrocknete Pfanne in der Küchenspüle, stellt ein paar sandige Kinderschuhe in den Flur, pustet ein paar Staubmäuse über den Boden, und schon fühlen sich Menschen wie ich im potenziellen, neuen Zuhause sehr viel heimischer.

Aber was nicht passt, kann im Fertighaus ja schließlich passend gemacht werden. Es sei denn, es ist eine tragende Wand!

Nach der Hiobsbotschaft mit den nicht vorhandenen Grundstücken hatte meine Verliebtheit ins Fertighaus bereits schlagartig nachgelassen, und die mintgrüne Dekoration war jetzt auch nicht gerade zuträglich. Aber Frau O. wusste natürlich noch zielsicher eins draufzusetzen. Der Grundriss erschien uns zwar ganz passabel, ein paar Anpassungen hätten wir dennoch gern vorgenommen. Omas Zimmer hätten wir gern ein wenig vergrößert, das Wohnzimmer zu ihren Gunsten dafür ein wenig verkleinert.

Doch Pustekuchen: Genau zwischen diesen beiden Zimmern befand sich eine tragende Wand, die sich laut Frau O. leider nicht verschieben ließ. Außerdem wünschten wir uns fürs Erdgeschoss eine extra Gästetoilette, damit Gäste nicht immer Omas Toilette benutzen müssen. Das war aber auch nicht machbar. Und so musste ich mich langsam von meinem Lieblingshaus verabschieden. Denn was nutzt mir das tollste Fertighaus, wenn es am Ende in Meckelfeld steht und suboptimal aufgeteilt ist? Richtig, sehr wenig.

Auf Wiedersehen, geliebtes Fertighaus!

Und das ist ja nicht der erste Abschied gewesen, den ich beim Projekt Mehrgenerationenwohnen bisher hatte nehmen müssen: Zuerst habe ich mich schweren Herzens vom Keller verabschiedet. Und jetzt sage ich leise „Adé!“ zur Idee, das Ganze mit diesem Fertighausanbieter umzusetzen. Natürlich haben andere Firmen auch hübsche Fertighäuser. Aber auch die kennen aktuell keine Grundstücke in Hamburg-Harburg/Neugraben, und unsere eigene Suche war bisher auch nicht von Erfolg gekrönt.

Da wir uns nach wie vor zugunsten der Barrierefreiheit auf Neubauten fürs Mehrgenerationenwohnen konzentrieren wollen, müssen wir uns nun wohl oder übel dorthin vorwagen, wo ich nie hinwollte: ins Neugrabener Neubaugebiet. Dort gibt es zwar noch freie Grundstücke, die sind aber sehr teuer und wären im Übrigen aufgrund sehr strenger, baulicher Vorgaben auch nicht für mein Ex-Lieblingshaus geeignet gewesen. Hier steht uns bei anderen Fertighausanbietern auch nur eine begrenzte Anzahl an Hausentwürfen zur Auswahl, bei denen der Gestaltungsspielraum allerdings limitiert ist. Bei einem dieser Fertighausanbieter hatten wir tatsächlich gerade ein sehr gutes Beratungsgespräch, dadurch habe ich noch ein Fünkchen Hoffnung, was das Thema Fertighaus betrifft. Ob wir schließlich im Neubaugebiet landen, davon berichte ich dann beim nächsten Mal.

* Home Staging ist gemäß Wikipedia das professionelle Adaptieren von Räumen einer Immobilie oder kompletten Immobilien zur Verkaufsförderung. Diese Adaption umfasst den gezielten Einsatz von Möbeln, Farbe, Licht, Wand- und Fußbodengestaltung.


Und nächstes Mal in Folge 3: Wer zu spät kommt, den bestraft die städtische Entwicklungsgesellschaft – unter Zeitdruck ins Neubaugebiet?


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