Am 11. September ist Tag der Wohnungslosen

Tag der Wohnungslosen: Ärmel hochkrempeln und endlich aufhören, wegzuschauen

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Lesezeit: 4 Minuten

Jeden Nachmittag komme ich an einem Obdachlosen vorbei. Oft schaue ich betreten zur Seite, manchmal werfe ich eine Münze in den zerfledderten Kaffeebecher vor seinen Füßen. Im Laufe der Monate bemerke ich, dass er immer orientierungsloser, ungepflegter und niedergeschlagener wirkt. Eines Tages ist er nicht mehr da. Stattdessen sind um seinen Schlafsack herum Kerzen, Briefe und Blumen drapiert. Auf einem Pappschild steht „Warum?“.

Als Finanzdienstleister mit Schwerpunkt Baufinanzierungen bringen wir Menschen ins eigene Zuhause. Am heutigen 11. September ist der Tag der Wohnungslosen. Deshalb haben wir uns mit der anderen Seite beschäftigt und wichtige Infos zum Thema Wohnungslosigkeit zusammengetragen. So war diese Geschichte hier ursprünglich geplant. Doch dann kam alles anders, denn wir haben in den eigenen Reihen eine engagierte Kollegin gefunden, die über ihre Erfahrungen in der Obdachlosenhilfe berichtet.

Was ist Wohnungslosigkeit?

Wohnungslos sind alle Menschen ohne Mietvertrag oder Wohneigentum. Wohnungslose leben entweder in Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege oder in kommunalen Einrichtungen, oder sie sind obdachlos. Der Begriff Obdachlosigkeit ist gemeinhin bekannter, gebräuchlicher. Als obdachlos gilt, wer keinen festen Wohnsitz und keine Unterkunft hat, höchstens mal in Notunterkünften unterkommt.

In Deutschland leben knapp 650.000 (Stand: 2017) Wohnungslose, davon sind laut BAG Wohnungslosenhilfe (BAG W) 374.000 anerkannte Geflüchtete.

BAG Wohnungslosenhilfe

Welche Gründe gibt es für Wohnungslosigkeit?

Die Hauptgründe für Wohnungslosigkeit sind entweder ökonomischer oder gesundheitlicher Natur. Arbeitslosigkeit und die damit einhergehenden seelischen und wirtschaftlichen Folgen tragen dazu bei, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, wohnungslos zu werden. Oft gibt es nicht das eine Ereignis, das zur Wohnungslosigkeit führt. Stattdessen ist Wohnungslosigkeit meist das Resultat aus mehreren Ursachen, die dann zur Folge haben, dass sich Menschen eine Wohnung oder Haus nicht mehr leisten können. Der Hauptgrund ist nicht der fehlende Wohnraum, aber steigende Mieten und Kaufpreise begünstigen die Wohnungslosigkeit zusätzlich.

Die häufigsten Gründe für Wohnungslosigkeit – begonnen bei dem häufigsten – sind laut Statista:

  • Arbeitslosigkeit
  • Abhängigkeit
  • Überschuldung
  • Unbezahlbar hohe Miete
  • Kein Zugang zu angemessenen Sozialleistungen bzw. Unterstützungsangeboten
  • Trennung oder Tod eines nahestehenden Verwandten
  • Bewusste Entscheidung für dieses Leben
  • Krankheit oder Behinderung
  • Psychische Probleme
  • Kürzlich eingewandert, keine gültigen Papiere
  • Wohnung oder Haus wurde zerstört

Was hat das mit uns zu tun?

Bisher kam ich mit meinem Artikel ganz gut voran. Aber nun merke ich: Und nun? Ich hole mir erstmal einen Kaffee und komme ins Schnacken. Eine Kollegin fragt: „Wie geht’s?“ So weit, so unspektakulär. Ich erzähle von meinem Artikel und dass ihm noch etwas fehlt. Die Kollegin sagt: „Frag doch mal Meike. Sie hat sich mit dem Thema schon mal beschäftigt.“ Vorgeschlagen, getan. Meike hat Zeit, ich interviewe sie.

Meike schnackt nicht lange, sondern packt an.

Nicht lange schnacken: Meike packt an und hilft Wohnungslosen

Meike hat sich irgendwann mal vorgenommen, einfach auf die Obdachlosen zuzugehen und sie zu fragen, was sie brauchen.

Und nein, es ist nicht immer Alkohol, wie man vielleicht vermuten könnte. Oft sind es Kleinigkeiten: ein Apfel oder Wasser,

sagt Meike.

Sie unterhält sich mit Wohnungslosen, recherchiert und lernt dabei viel – auch über sich selbst. Wie viel ist man bereit, zu spenden? Wie gehe ich am besten auf die Menschen zu? Was macht das mit mir? Denn einige Wohnungs- oder Obdachlose, die ihre Situation verbessern möchten und wieder ein geregeltes Leben führen wollen, stehen vor großen organisatorischen Problemen: ohne Wohnung kein Konto, ohne Konto kein Mietvertrag. Da ist man schon mal ratlos.

Kochen, sammeln, reden

Meike überlegt sich voller Aktionismus, was gebraucht werden könnte, sie spricht Freunde und Bekannte an. Im Zuge dessen bekommt sie den Tipp, doch mal zu schauen, was in Lübeck schon getan wird. Sie recherchiert und stößt online auf die Seite der Obdachlosenhilfe Lübeck. Endlich kann Meike helfen. Hier werden Köchinnen und Köche gesucht. Sie entscheidet sich, für Obdachlose zu kochen. Einmal alle zwei Wochen. Eine ganz schöne Herausforderung, beim Equipment angefangen: Wer hat schon einen 14-Liter-Topf zu Hause und weiß, wie viel Käse man für eine Suppe in dieser Menge kaufen soll? Die Obdachlosenhilfe Lübeck hat die Suppe abgeholt, sie in Thermobehälter umgefüllt und ist damit durch Lübeck gefahren. Was übrig blieb, ging an andere gemeinnützige Einrichtungen.

Hinter diese Aktionen steckt ein enormer organisatorischer Aufwand, Verlässlichkeit ist daher extrem wichtig. Leider kann sich Meike aufgrund ihres Jobs, bei dem sie viel unterwegs ist, nicht mehr an die regelmäßigen Termine halten und muss das Kochen wieder aufgeben. Der 14-Liter-Topf ist aber noch da. Sie möchte auch gerne mal wieder für die Obdachlosen kochen, denn das Thema „Wohnungslose“ beschäftigt sie weiterhin sehr stark.

Was kann man tun, um zu helfen: ein Ideenfeuerwerk

Wer Meike kennt, weiß, dass sie vor Ideen nur so sprudelt. So auch in unserem Gespräch. Ich erzähle ihr, dass wir als Team von Dr. Klein neulich bei dem Gewinnspiel „Sechs Richtige“ des NDR 350 Euro gewonnen haben und diese spenden wollen. Und dass wir es dabei nicht belassen wollen. Sie hat tausend Ideen. Wie auf Knopfdruck schlägt sie vor:

  • Mützen stricken,
  • eine Essensausgabe in der Weihnachtszeit organisieren,
  • Möglichkeiten zum Duschen ausfindig machen,
  • und und und…

Mir fiel noch ein, man könnte Winterkleidung sammeln. Aber gerade zum Thema Kleiderspende hat Meike noch einen wichtigen Rat:

Klärt vorher den Lagerplatz mit der Einrichtung, an die man spenden will (und es ist übrigens gar nicht so, dass Jacken am meisten benötigt werden, oft sind es eher Strümpfe und Unterwäsche).

Ich hätte Meike noch viel länger zuhören können. Die 350 Euro, die wir gewonnen haben, werden wir auf jeden Fall an die Lübecker Obdachlosenhilfe spenden. Und eins ist sicher: Es ist ein Anfang. Und ich werde nie wieder wegschauen.


Was kann man tun? Wie kann man sich für Obdachlose engagieren?

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