Der Zinskommentar in 120 Sekunden: Die Inflation steigt – Grund zur Besorgnis?

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Ein Video, vier Antworten, 120 Sekunden zum Thema Inflation: Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender bei Dr. Klein, kommentiert die aktuell steigenden Preise, die Gründe dafür und die Auswirkungen für Baufinanzierungen.

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Im Video beantwortet Michael Neumann diese Fragen:

  • Ist eine höhere Inflation gut oder schlecht für Immobilienkredite?
  • Steigen durch eine höhere Inflation zwangsläufig auch die Bauzinsen?
  • Heizt die steigende Inflation die Nachfrage nach Immobilien weiter an?
  • Was sind die Ursachen der steigenden Inflation?

So entwickelt sich die Inflation gerade

In den letzten Monaten ist die Inflation in fast allen Medien präsent, denn nach einem sehr flauen zweiten Halbjahr 2020 steigen die Raten in diesem Jahr zum Teil sprunghaft an. In Deutschland ist die Inflationsrate mit 3,8 Prozent im Juli deutlich höher als im durchschnittlichen Euro-Raum (2,2 Prozent), für August sind gerade 3,9 Prozent bzw. drei Prozent geschätzt. Tendenz: weiter steigend – Experten rechnen mit einer Inflation Richtung fünf Prozent. Angesichts dieser Zahlen werden die Stimmen lauter, die ein Gegensteuern der Europäischen Zentralbank (EZB) fordern: Damit die Inflation nicht ausufert, so die Argumentation, musss die EZB jetzt handeln. Und zwar, indem sie Unterstützungsprogramme beendet, um danach auch den Leitzins wieder zu erhöhen.  

Ist die Inflation Anlass zur Sorge?

Was ist Inflation eigentlich?

Die Inflation bezeichnet den Anstieg der Preise für Konsumgüter und Dienstleistungen, also die Teuerungsrate. Üblicherweise bezieht sich der Vergleich auf den Vorjahresmonat. Die Berechnung des Wertes ist komplex und erfolgt nach verschiedenen Modellen. So schließt die Kerninflation die Preise für Lebensmittel und Energie nicht mit ein, da diese stark schwanken und das Bild verzerren. Zum Teil werden auch Tabakwaren und andere Produkte herausgerechnet. Diesem harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) steht die Inflationsrate gegenüber, die die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen einschließt, die private Haushalte kaufen. Das Gegenteil von Inflation ist die Deflation: Sachwerte verlieren an Wert, während der Wert des Geldes zunimmt.

Kurzfristige Auswirkung der Inflation

Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender der Dr. Klein Privatkunden AG

Eine zunehmende Inflation ist für Verbraucher erst einmal schlecht. Aufgrund von steigenden Preisen müssen sie für den alltäglichen Bedarf mehr Geld ausgeben. Ganz generell sind Arbeitnehmer, Rentner oder Arbeitslose davon betroffen, deren Bezüge nicht steigen. Für viele Menschen können die aktuellen Preisentwicklungen auch zu einem handfesten Problem werden. Besonders Geringverdiener, die zum Beispiel auf ihr Auto angewiesen sind und eine Familie ernähren, stellen die gestiegenen Kosten für Energie und Lebensmittel vor Herausforderungen. Auch klassische Sparer haben bei einer Inflation das Nachsehen, weil das Geld auf dem Sparbuch ebenfalls weniger wert wird. “Für Darlehensnehmer dagegen wirkt sich eine Preissteigerung eher positiv aus, weil eine Inflation ihre Verbindlichkeiten entwertet”, so Michael Neumann, auch im Hinblick auf bestehende Immobilienkredite.

Warum ist eine Inflation wichtig?

Was für Privatpersonen mindestens ärgerlich ist, ist für die Wirtschaft notwendig. Denn nur steigende Preise halten sie in Gang: Wenn Unternehmen davon ausgehen, dass Investitionen in Zukunft teurer sein werden als im Moment, dann ist es für sie sinnvoller, lieber jetzt, statt später Geld in die Hand zu nehmen und zu investieren. So werden Dienstleistungen und Waren weiter nachgefragt und Arbeitsplätze gefördert. Aber das Ganze hat eine Grenze: Ist die Inflation allerdings zu hoch, verleitet das Unternehmen eher, vorsichtig zu agieren und die Ausgaben stärker zu kontrollieren.

Außerdem ist eine mäßige Inflation das beste Gegenmittel zur Deflation – und die ist für Ökonomien bedrohlicher. Bei einer Deflation ist die Nachfrage geringer als das Angebot, wodurch die Preise fallen. Wenn Verbraucher und auch Unternehmen davon ausgehen, dass sich die Wirtschaftslage verschlechtert, halten sie sich bei Konsumausgaben und Investitionen zurück und die Nachfrage verringert sich weiter. Als Folge erlahmt die Wirtschaft, mit negativen Folgen auch für den Arbeitsmarkt. Und nicht zuletzt ist es für Notenbanken schwieriger, dauerhaft einer Deflation entgegenzusteuern – bei einer Inflation haben sie mehr Spielraum.

Ab welcher Inflation muss die EZB reagieren?

Es gilt also, eine gleichmäßige und moderate Inflation und damit ein stabiles Preisniveau zu erreichen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat 1998 die Preisstabilität definiert als „Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) von unter, aber nahe zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr“ und im Juli 2021 auf „symmetrisch um zwei Prozent“ umformuliert. Um die Inflation zu beeinflussen, hat die EZB verschiedene Möglichkeiten. Mit der Senkung des Leitzinses zum Beispiel sollen günstige Finanzierungsbedingungen geschaffen und damit die Inflation unterstützt werden. Andersherum kann eine Erhöhung des Leitzinses die Inflation abbremsen. Anleihekäufe sind ein weiteres Instrument: Indem die Zentralbank in großem Umfang Staats- und Unternehmensanleihen aufkauft, pumpt sie Geld in die Märkte, hält die Zinsen künstlich niedrig und stützt damit die Volkswirtschaften.

Nun ist die Frage: Läuft die Inflation aus dem Ruder, sodass die EZB jetzt dringend eingreifen muss? Hier scheiden sich die Geister. Einige Ökonomen sind mehr als besorgt und malen düstere Szenarien an die Wand. Ihre Befürchtung ist, dass aufgrund der Geldmengen, die die EZB in den Umlauf bringt, mittelfristig Arbeitskräfte knapp werden und eine Lohn-Preis-Spirale entsteht. Demgegenüber stehen Analysten, die mit der Begründung abwinken, dass es sich nicht um eine nachhaltige – also fortdauernde – Entwicklung handelt. Die derzeitige Inflation ist ihnen zufolge Ausdruck einer sich erholenden Wirtschaft und die Anstiege seien nur temporär. Das ist auch die Einschätzung der EZB. Ihre Prognose ist ein Abflauen schon im nächsten Jahr, mit weiterem Rückgang in 2023.

Was denn nun: temporäre oder nachhaltige Inflation?

Was verursacht die momentane Preissteigerung und die relativ hohen Preise für Rohstoffe, Energie und Lebensmittel? Unbestritten ist die Pandemie mit den weltweiten Lockdowns Hauptursache. Produktionen und Lieferketten gerieten ins Stocken, einige Branchen kamen ganz zum Erliegen und Verbraucher konnten ihr Geld nicht ausgeben. Nach den Öffnungen ist der Konsumhunger groß – die Nachfrage steigt schneller als das Angebot und die Waren und Rohstoffe werden teurer.

Eine anderer Grund der jetzt hohen Inflationsraten ist der sogenannte Basiseffekt: Die Referenzwerte, auf die sich die prozentualen Veränderungen in 2021 beziehen – also die Basis –, bilden die Inflationsraten aus den extrem wirtschaftsschwachen Monaten in 2020. In Deutschland wird dieser Effekt noch verstärkt, weil im Zuge der Corona-Krise die Mehrwertsteuer gesenkt und dieses Jahr wieder angehoben wurde. Auch Sondermaßnahmen wie die höhere Energiesteuer wirken sich auf die Inflation aus, ohne sie nachhaltig anzutreiben. Legt man nächstes Jahr die Raten aus diesem wirtschaftlich wieder gesünderen Jahr zugrunde, wird die Steigerung geringer ausfallen.

Auswirkung der Inflation auf die (Bau-)Zinsen

Derzeit zeichnet sich kein signifikanter Umschwung auf dem Arbeitsmarkt ab und die meisten Menschen haben keine steigenden Löhne zu erwarten. Vieles spricht dafür, dass die hohen Inflationsraten in diesem Jahr statistische Gründe haben, auf Sondereffekte zurückzuführen sind und für die Gesundung der Wirtschaft sprechen. “Daher führt die höhere Inflation nicht automatisch zu höheren Bauzinsen“, erklärt Michael Neumann. „Eigentlich würde der Inflationsdruck die EZB veranlassen, die Leitzinsen nach oben anzupassen, was zu steigenden Zinsen – also auch Baufinanzierungszinsen – führen würde. Die Zentralbank druckt aber weiter Geld und hält damit die Zinsen künstlich niedrig.”


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